5. Unterstützungsbedarfe

Im Folgenden werden Unterstützungsbedarfe mit Hinweisen für den Umgang mit
Schülerinnen und Schülern im Unterricht mit heterogenen Lerngruppen vorgestellt.

Deutsch als Zweitsprache (DaZ) Piktogramm DaZ

In Deutschland haben etwa 30% der Schüler*innen einen sogenannten Migrationshintergrund [1] und wachsen mit mindestens zwei Sprachen auf. Die Schule stellt einen zentralen Ort für den Erwerb (bildungs-)sprachlicher Kompetenzen dar. Wortschatz und Sprachverständnis sind wichtige Voraussetzungen, damit Lernen sowie die Partizipation am Unterrichtsgeschehen und eine erfolgreiche Gestaltung des Bildungsweges in Deutschland möglich sind.

Allgemeine Hinweise
  • Die Sprache der Lehrenden sollte reflektiert und es sollten vereinfachte und verständliche
  • Ausdrücke im Unterricht verwendet werden.
  • In Formaten mit freien Sprechanteilen, z.B. Diskussionen sollte Zeit gelassen werden für
  • Vorbereitung, Sammeln und Suchen relevanter Wörter.
  • Neue Begriffe sollten gesondert eingeführt werden durch Erklären, Anschreiben, zeigen eines Bildes, ein Glossar oder z.B. durch bewusstes und vielfältiges Wiederholen und Übungsschleifen und die Einbindung realer Gegenstände.
Lernen (LE) Piktogramm LE

Schüler*innen des Unterstützungsbedarfes Lernen stellen in Deutschland die größte Gruppe dar, der ein sonderpädagogischer Förderbedarf zugeschrieben wird. [2] Sie sind eine heterogene Gruppe und brauchen vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten. So benötigen einige von ihnen z.B. lediglich in einem oder wenigen Teilbereichen besondere Unterstützung (z.B. Wahrnehmung, Rechtschreibung, Zahlbegriffsentwicklung). Andere Schüler*innen sind auf umfassende Förderung sowie individualisierte, vereinfachte Lernziele angewiesen. Kinder mit Lernbeeinträchtigungen benötigen einen Unterricht, der sich einer klaren Sprache bedient, ein hohes Maß von Anschaulichkeit (auch Bilder zur Unterstützung), Handlungsorientierung und Struktur bietet, einen angemessenen Wechsel der Arbeits- und Sozialformen berücksichtigt sowie ausreichend Zeit lässt, das Gelernte zu vertiefen. Auch durch Arbeitsaufträge und -aufgaben in „Leichter Sprache“ können diese Schülerinnen und Schüler einfacher am Unterricht teilnehmen. Nicht zuletzt profitieren diese sie von Unterrichtsinhalten, die an ihrem persönlichen Bildungs- und Erfahrungshintergrund, also am Alltag der Schülerinnen und Schüler anknüpfen.

Allgemeine Hinweise:
  • Sachverhalte und Begriffe sollten regelmäßig wiederholt werden.
  • Klare und wiederkehrende Strukturen im Unterricht und bei Aufgabenstellungen helfen Schülerinnen und Schülern bei der Arbeit.
  • Fällt das Formulieren eigener Texte schwer, bietet sich Unterstützung in einer Partner- oder Gruppenarbeit an. Ebenfalls kann malen eine Alternative zum Schreiben darstellen.
Kognition und Komplexität (KK) Piktogramm KK

Schüler*innen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind eine sehr heterogene Gruppe mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Talenten. Gründe für anhaltende Lernschwierigkeiten können in den Bereichen Kognition, Motorik und Wahrnehmung, Sprache, im sozial-emotionalen Bereich oder im sozio-kulturellen Umfeld liegen. Auch können häufig verlangsamtes Arbeitstempo, Schwierigkeiten mit der Informations- und Sinnentnahme von Aufgaben/Texten oder eine Beeinträchtigung des Lerngedächtnisses auftreten. Angehörige dieser Gruppe sind besonders auf eine verständliche, vereinfachte Sprache, eine klare Unterrichtsstruktur und geringere Aufgabenmengen angewiesen, um erfolgreich arbeiten zu können.

Allgemeine Hinweise
  • Um eine Struktur und Wiedererkennung für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen, können Ritualisierungen und wiederkehrende Elemente genutzt werden. Dies kann durch einen festen Raum und gleiche Zeiten, sowie motivierendes Wiederholen mit Spielen und klare Regeln ermöglicht werden.
  • Falls die Schüler*innen in einer Gruppe arbeiten, sollte diese heterogen zusammengesetzt sein.
Emotional-Soziale Entwicklung (ES) Piktogramm ES

Auch Schüler*innen mit dem Unterstützungsbedarf Emotional-Soziale Entwicklung (ES) sind keine homogene Gruppe. Auffälligkeiten im Verhalten sind nicht immer feststehend, sondern entstehen im Kontext einer Situation und hängen stark von der Perspektive der Betrachtenden und der einzelnen Personen ab. Der Fokus im Unterricht sollte auf den Stärken der Schüler*innen liegen und Erfolgserlebnisse für diese ermöglichen.

Allgemeine Hinweise
  • Stabile Strukturen durch Verlässlichkeit, klare Regeln, Vereinbarungen und Konsequenzen. Änderungen im Tagesablauf sollten möglichst frühzeitig mitgeteilt werden.
  • Die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler sollte gefördert werden, indem sie ermutigt werden, aus ihren eigenen Fähigkeiten heraus etwas zu schaffen.
Autismus-Spektrum (AS) Piktogramm AS

Schulkinder mit einer Autismus-Spektrums-Störung haben meist ein eingeschränktes Repertoire an Verhaltensmustern, Interessen und Aktivitäten. Meist ist die Fähigkeit erschwert, mit anderen Personen zu kommunizieren, soziale Verhaltensweisen zu entwickeln, Emotionen zu erkennen und zu verstehen und Erfahrungen auf neue Situationen zu übertragen. [3] Schülerinnen und Schüler haben einen Bedarf an Unterstützung, um Verhaltensweisen in ihrer Umwelt zu verstehen und eine aktive Lebensgestaltung in ihrem Umfeld zu ermöglichen. Oft besitzen Schulkinder mit einem Autismus-Spektrum eine Inselbegabung.

Allgemeine Hinweise Piktogramm AS
  • Visualisierungen können Schüler*innen dabei helfen, die Welt um sich herum besser zu verstehen z.B. durch Zeichnungen von Aktivitäten/Aufgaben, sowie z.B. Piktogrammen für die Aufgabenstellung. • Durch Rückzugsmöglichkeiten sollte ein verlässlicher Rückzugsort in Unterrichts- und Pausenzeiten ermöglicht werden, z.B. durch einen Einzelplatz in einer „Ruheecke“.
  • In der Sprache der Lehrenden sollte möglichst wenig Metaphorik und Ironie verwendet werden. Erwartungen der Lehrenden sollten klar formuliert werden.
Hören und Kommunikation (HK) Piktogramm HK

Schüler*innen, die mit einer Hörschädigung geboren werden oder diese im Laufe ihres Lebens erwerben, begegnen vornehmlich Einschränkungen im kommunikativen Bereich. Ihnen fehlt eine wichtige Informationsquelle, sei es im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation oder im Bereich der Wissensaufnahme. Einige Menschen mit Hörschädigung sind mit Hörgeräten, Cochlear-Implantaten oder einer Kombination aus beidem versorgt. Die technische Versorgung eines Kindes lässt jedoch nicht auf dessen Hörerfolg schließen. Der Erfolg eines technischen Hilfsmittels hängt von Umwelt- und Persönlichkeitsfaktoren des Kindes ab. Je nach Grad der sprachlichen Einschränkung ist eine sprachliche Reduktion der Lehr- und Lernmaterialien sinnvoll. Im Bereich der Hörschädigung wächst eine Gruppe von Kindern stetig – dies sind Kinder mit einer AVWS (auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung). [4] Diese Kinder haben keine Störung der Organfunktion am Ohr selbst, sondern eine Störung der Signalverarbeitung im Gehirn. So können sie nicht zwischen Stör- und Nutzschall unterscheiden. In der Schulpraxis bedeutet dies, dass ein Papierrascheln oder ein leises Flüstern genauso laut wahrgenommen wird, wie die Stimme der Lehrperson oder der anderen Kinder, die gerade sprechen. Innerhalb der Gruppe von Schüler*innen mit Hörschädigung gibt es zudem die Gruppe der Schüler*innen, die mittels Gebärdensprache kommuniziert. In der Regel sind gebärdensprachlich kommunizierende Schüler*innen im Regelschulsystem mit Dolmetscher*innen anzutreffen.

Allgemeine Hinweise
  • Für entsprechende Schülerinnen und Schüler sollte ein Sitzplatz am Fenster (ohne Gegenlicht) gewählt werden, mit Blick zu den Lehrenden sowie zu den anderen Schülerinnen und Schülern im Raum (evtl. durch eine Sitzanordnung in U-Form).
  • Beim Tafelanschrieb sollte die Lehrkraft nicht sprechen.
  • Aufmerksamkeit kann z.B. durch Klopfen auf dem Tisch geschaffen werden (nicht über Körperkontakt).
  • Visualisierungen helfen den Schülerinnen und Schülern beim Verständnis und vermitteln Inhalte. Ein schriftliches Fixieren von wichtigen Arbeitsergebnissen und Arbeitsaufträgen ist sinnvoll.
Sehen und Wahrnehmen (SW) Piktogramm SW

Der Unterstützungsbedarf Sehen und Wahrnehmen bildet im schulischen Bereich die kleinste Gruppe von Schüler*innen [5] und bezieht sich sowohl auf die fließenden Übergänge von Sehbehinderung und Blindheit als auch die sogenannten visuellen Wahrnehmungsstörungen, die nicht direkt auf eine Schädigung des Auges zurückzuführen sind und somit nicht an der Sehschärfe festgemacht werden können. Erblindeten Schüler*innen gelingt auch nach optischer Korrektur eine visuelle Begegnung mit ihrer Umwelt nicht. Schüler*innen mit Sehbeeinträchtigungen ist dies bei der Teilfunktion des Sehens erheblich erschwert, ebenso den Schüler*innen, bei denen eine gravierende Störung der zentralen Verarbeitung der Sinneseindrücke bezogen auf Farbe, Kontrast, Form, Objekt, Raum und Bewegung vorliegt. Ihnen ist gemein, dass der Zugang zu Informationen aus ihrem näheren oder ferneren (Handlungs-) Umfeld erschwert ist. Durch die eingeschränkte Sehfähigkeit kommt es somit häufig zu fehler- oder lückenhaften Vorstellungen ihrer Umgebung, was das Lernen erschwert.

Tipps zum Umgang mit blinden Schülerinnen und Schülern sowie Kindern mit hochgradigen Sehbeeinträchtigungen:
  • Nutzung der Punktschriftsysteme und Einsatz individueller (elektronischer) Hilfsmittel (Langstock zur Orientierung, Punktschriftmaschine, Ausgabemedien für digitale Texte [z.B. Computer, E-Book-Reader, Tablet], PCs mit Braillezeile, Vorlesestifte, Bildschirmlesegerät etc.)
  • Konturen von Grafiken und Visualisierungen können mit Holzleim nachgefahren und so nach dem Trocknen tastbar gemacht werden.
  • Schüler*innen mit Sehbeeinträchtigung können Texte mit kontrastreichen Stiften schreiben. Erblindete Schüler*innen können Texte auf einer Punktschriftmaschine schreiben.
Tipps zum Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Sehbeeinträchtigungen oder visueller Verarbeitungsstörung
  • Nutzung individueller optischer und elektronischer Hilfsmittel (Brille, Lupe, Bildschirmlesegerät, Tafelbildkamera, PC etc.)
  • Die Gestaltung visueller Vorlagen sollte unter den Aspekten Größe, Schrift, Farbe, Kontrast, Anordnung/ Übersichtlichkeit (ggf. im E-Buch-Standard) erfolgen.
  • Individuelle Schreibblätter mit variablen Linienstärken und Zeilenabständen können bspw. online erstellt werden unter: https://www.rechner.club/druckvorlage.
Umgang mit Weltkarten:

In einigen Aufgaben wird mit Weltkarten gearbeitet. Unter folgendem Link können taktile Karten erworben werden: Deutscher Hilfsmittelverlag. Falls in der Schule 3D-Drucker vorhanden sind, können Vorlagen zum Druck taktiler Karten verwendet werden: www.thingiverse.com.

Umgang mit Internetseiten:

In diesem Bildungsmaterial wird unter anderem mit Internetseiten und freier Recherche im Internet gearbeitet. Nicht alle Seiten sind barrierefrei für Schüler*innen, die mit Screenreadern arbeiten. Hier empfehlen wir eine Zusammenarbeit mit sehenden Schüler*innen. Einige Internetseiten liegen in diesem Material als Word-Datei für den Ausdruck mit dem Punktschriftdrucker oder für die Verwendung des Screenreaders (mit der Braillezeile) vor.

Hochbegabung (HB) Piktogramm HB

Hochbegabte Schülerinnen und Schüler stellen eine relativ kleine und sehr heterogene Gruppe dar. [6] Ihre Hochbegabung führt häufig zu Unterforderung, einer Zunahme von Flüchtigkeitsfehlern, einer Flucht in eine Traumwelt und Ausgrenzung durch die Klassengemeinschaft. Hochbegabte Schüler*innen sollten die Möglichkeit erhalten, ihrem Potenzial entsprechende Ziele verfolgen zu können. Oft führen eine ungenügende Motivation, Erfolgserwartungen, mangelnde Förderung und ungenügende Lernressourcen dazu, dass Lernende mit Hochbegabung mangelnde schulische Leistungen erbringen.

Allgemeine Hinweise
  • Der Schwierigkeitsgrad der Lernaktivität sollte dem individuellen Leistungsstand der Schüler*innen angepasst sein (z.B. mit Sternchenaufgaben).
  • Zusätzliche Aufgaben oder Tätigkeiten nach Abschluss der Aufgaben können ein individualisiertes Lernen mit selbstbestimmter Lerngeschwindigkeit ermöglichen.
  • Durch die Umsetzung von Exkursionen und Projektarbeiten, kann das Wissen vertieft und das Interesse der Schülerinnen und Schüler gefördert werden.
Körperlich-motorische Entwicklung Piktogramm KmE

Schülerinnen und Schüler haben einen Förderbedarf im Bereich körperliche und motorische Entwicklung, wenn körperliche Funktionseinschränkungen und ungünstige Umwelteinflüsse zusammentreffen. Im Unterricht gilt es, Kompensationsstrategien für die Funktionseinschränkungen zu entwickeln, um den Schülerinnen und Schülern eine größtmögliche Teilhabe zu ermöglichen. Die individuelle Ausgangslage der Schüler*innen sollte Ausgangspunkt aller methodischen und didaktischen Überlegungen sein. Die hier dargestellten Beispiele deuten die vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten im Unterricht nur an.

Allgemeine Hinweise
  • Aktivierende und häufig wechselnde Unterrichtsangebote sowie Sequenzen für motorisch unruhige Schüler*innen sollten eingeplant werden.
  • Einplanen von ausreichenden Pausen zur medizinischen Versorgung.
  • Für Rollstuhlnutzende ist es sinnvoll, alle benötigten Materialien so zu platzieren, dass umständliches Rangieren vermieden wird, da dies unter Umständen den Arbeitsprozess stört.
  • (Fein-) motorische Fähigkeiten können im Unterricht durch Aktivitäten wie Schneiden, Malen, Stecken etc. gefördert werden.
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